Ein Plädoyer für die freie Liebe…

Liebe Leser, ich möchte Euch einen Beitrag des AOiR Pahl nicht vorenthalten:

Plädoyer für die freie Liebe

Wa wi tohopp hebbt staan, hett uns noch nüms wat dahn  (Als wir zusammen standen, hat uns noch niemand etwas antun können)

Man weiß nicht genau, wie alt dieser Wahlspruch der Kremper schon ist. Vielleicht ist er so alt wie unsere geliebte Heimatstadt selbst, welcher bekanntermaßen das vortrefflich merkbare Geburtsjahr 1234 zugeschreiben wird. Wobei – und hier sei mir ein Exkurs zu einer wahren aber humoristischen Begebenheit gestattet – es nicht alle Menschen gleichermaßen so sehen. Eine Bekannte beschwerte sich vor einigen Jahren über die gar willkürliche Zuweisung einer neuen Geheimzahl für ihre EC-Karte. „Zwölf-Vierunddreißig! Zwölf-Vierunddreißig! Wie soll man sich das denn merken können?“ Zu ihrer Verteidigung muss ich anführen, dass diese Bekannte aus Wilster stammt. Und seien wir mal ehrlich: Welcher Kremper hat jemals das  Gründungsjahr Wilsters gehört und wird es sich je merken können?  Abgesehen von dieser Anekdote, hadern Historiker mit dem Wahrheitsgehalt dieser Jahreszahl, denn sie ist wohl nicht belegt.

Ob Krempe nun 100 Jahre früher oder später entstand, tut letztlich für uns heute Lebenden nicht viel zur Sache. Die Stadtgründung fällt in die Endphase der Aneignung durch Eindeichung,  Urbarmachung,  Entwässerung und Besiedelung der Elbmarschen. Ein äußerst mühsames Unterfangen, welches jedoch für unsere Vorfahren bedeutete, die Knechtschaft der Feudalherren zu verlassen. Denn das neue, eigene Land, versprach mehr Freiheit, Unabhängigkeit, Wohlstand und schließlich Selbstbewusstsein.

„Keen nich will dieken, de mutt wieken“ lautet der  altsächsische Rechtsgrundsatz, der im Rechtsbuch, dem Sachsenspiegel festgehalten wurde. Dieken, also einen Deich bauen und ihn in Stand halten, das kann man nicht alleine. Der blanke Hans ist stärker als der stärkste Mann. Nur wenn man zusammen steht (und deicht), kann er einem nichts anhaben, kann man das Land gewinnen und erhalten, Eigentum und Wohlstand für sich und die Nachkommen mehren und nachhaltig sichern. Das Eigenwohl wird hier zwangsläufig zu Gemeinwohl und andersrum.

Stammesgeschichtlich sind wir Holsteiner ursächsisch. Wir waren aber auch schon heilig-römisch, dänisch, österreichisch, preußisch, kaiserlich, weimarisch-republikanisch, nationalsozialistisch, bundes(west)deutsch und sind glücklicherweise seit nunmehr 30 Jahren wieder geeint mit den ostdeutschen Brüdern und Schwestern, für die die Zeiten des Totalitarismus‘ bedauerlicherweise insgesamt fast 60 Jahre währten.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges, genauer gesagt seit 1948 ist kein Gildefest mehr ausgefallen. Die Stadt wurde seitdem von 71 Gildekönigen „regiert“. Obgleich es einige sogar mehrmals auf den Thron schafften und somit mehrere Anläufe bekamen, müssen wir doch ehrlich sein und konstatieren: Sie waren allesamt miserabel. Oft übermütig, prahlerisch und voll der Worte, ermüdeten sie bereits unter der Last der Krönungsprozession und verfielen in tiefen, unterjährigen  Schlaf.  Viele waren weltfremd, begleitet von  mätressenverliebten Kultusministern und stets klammen und kniepigen Finanzministern. Manche waren still und wortkarg. Das waren oft noch die besten.

Jedes Jahr neue Zucht, neue Willkür und hanebüchene Pläne, die den Stadtsäckel belagerten. Trotzdem ertrugen wir die alljährliche Wiederkehr der Könige, denn für ein paar Stunden, zwischen zumeist erzwungener Abdankung und kunstvoll fahnenumspielter Inthronisierung, lockte die Freiheit, die regierungslose Zeit, die Zeit der freien Liebe! Hier herrscht allein die Macht des Kusses.

Unsere Alte Kremper Stadtgilde von 1541 e.V. besteht seit 479 Jahren. So alt wird nicht einmal ein Ältermann. In dieser Zeit hatte die Stadt gute und schlechte Jahre gehabt und stets war es auch die Gilde, die die Unbill abgemildert und die alljährlichen Freuden gesteigert hat.  Das Schicksal will es, dass wir dieses Jahr kein Gildefest feiern können.  Das ist schlimm für unsere kleine Stadt, die doch durch die Gilde eine einzigartige Gravitationskraft besitzt.

Wo wir sonst Schulter an Schulter mit Ober- und Untergewehr auf dem Marktplatz standen, heißt es nun: „Wa wi nich tohoop stahn, kann uns dat Virus nix dahn!“

Egal! Das Feiern holen wir nach. Die entgangenen Erdbeeren, die Bowle, Zitronenhälften, den Bittern, die Fischköpfe, die Küsse das holen wir uns alles wieder. Den lausigen König ertragen wir eben noch ein Jahr, immerhin erspart uns das die Grappen eines neuen Regenten. Aber lasst uns doch dennoch innerlich Gilde feiern, gerade jetzt Gildebrüder sein! Lebt die freie Liebe, (natürlich nur mit einem zwinkernden Seitenblick auf die christliche Sittenlehre). Helft Euch, stützt Euch, steht Euch bei! Kauft in Krempe, lasst Euch die Haare hier schneiden, die Kinderfüße hier besohlen, geht hier Honig, Blumen, Brötchen einholen! Steht zusammen, sinnbildlich Schulter an Schulter (unter Einhaltung der Abstandsregel)!  Verschenkt Luftküsse und zeigt dieser widrigen Zeit fletschend die Zähne des Lachens! Baut und hegt den Deich der Brüderlichkeit!

Gildebrüder, wenn auch das Fest ins Wasser fällt, so hisst doch die gelb-grünen Segel, zeigt Flagge zum Zeichen eines lebendigen Gildegeists!

Auf das Wohl der Gilde. Es lebe die Gilde!!


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