Lametta – Eine lange Geschichte, kurz erzählt

-ÄMiR Wolfgang Dörner-

Gildefest 1993: Als Ersatz für den verstorbenen Gildebruder Reinhard Meyer hatte ich die Funktion eines Altschaffers übernommen. Als Quereinsteiger musste ich mit Hilfe meines Partners Bernhard Rösecke in einem „Intensivkurs“ neben den normalen Aufgaben eines Altschaffers auch nachträglich einige wichtige Dinge aus dem Leben eines Jungschaffers lernen. Als besondere Herausforderung hatte ich außerdem eine Altlast aus dem Vorjahr geerbt.

Die Jungschaffer Rösecke und Meyer hatten nämlich ein Jahr zuvor beim Ausbringen des Birkenschmucks dem Bürgermeister Reer statt der vorgesehenen zwei Birken eine kleine Tanne in den Fahnenhalter gesteckt. Diese Missetat wurde am Abrechnungstag auch gehörig bestraft. Die Beiden bekamen den Auftrag, im nächsten Jahr morgens nach den Böllerschüssen beim Bürgermeister die Straße zu fegen und anschließend den Vollzug zu melden.

Diese Aufgabe hatte ich als Erblast übernommen. Wir gingen also am Montagmorgen gleich nach der Zündung der Böller vom Marktplatz zur Wohnung des Bürgermeisters in der Breiten Straße und fegten dort Bürgersteig und Rinnstein. Danach weckten wir den Bürgermeister mit drei Böllerschüssen aus einer Schreckschuss-Pistole.

Bürgermeister Reer kam schlaftrunken mit einer Flasche Bittern an die Haustür, nahm die Meldung entgegen und schenkte uns zur Belohnung einen Bittern ein. Gemeinsam tranken wir „Auf das Wohl der Gilde!“ Alles war soweit gut!

Aber natürlich nicht für uns! So ganz ohne Tannenbaum sollte es unserer Meinung nach auch in diesem Jahr nicht abgehen. Das war uns bereits lange vor dem Gildefest klar. Also besorgten wir beim Birkenschlagen zwei neue Tannen für unseren Bürgermeister. Bei der Aussicht auf einen Bittern zur Belohnung war uns keine Mühe zu viel. Allerdings wirkt so ein Tannenbaum natürlich nur mit richtigem Schmuck: Lametta!

Woher nimmt der pfiffige Altschaffer Ende Juni Lametta? Mir fiel spontan meine liebe Schwiegermutter in Glückstadt ein. Ein Tannenbaum ohne Lametta war dort zu Weihnachten gar nicht denkbar! So nahm ich bei einem der häufigen Besuche dort die Gelegenheit wahr und ging mit der Bemerkung „Ich suche etwas für die Gilde, Oma!“ auf den Dachboden. Die Weihnachtskartons und damit das Lametta waren schnell gefunden. Die Idee war gerettet. Selbstverständlich würde ich rechtzeitig vor Weihnachten neues Lametta kaufen und in den Karton zurücklegen!

So konnten wir unserem Bürgermeister beim diesjährigen Ausbringen des Birkenschmucks zwei hübsch mit Lametta geschmückte Tannenbäume präsentieren.

Übergabe der beiden festlich mit Lametta geschmückten Tannenbäume an den Bürgermeister 1993. (v.l.n.r.: AS Rösecke, Bgm Reer, JS Koch, JS Kröger, AS Dörner)

Bürgermeister Reer bedankte sich bei uns mit einem Kremper Bittern, machte dann aber deutlich, dass er trotz unseres guten Willens, ihm etwas Besonderes zu bieten, auf dem üblichen Birkenschmuck bestehen müsse.

Uns blieb also nichts übrig, als die Tannenbäume wieder aufzuladen. Aber ganz fertig waren wir mit unserer Idee noch nicht. Das Büro im Rathaus! Natürlich! Hier würde der Bürgermeister vor dem Montagmorgen nicht erscheinen! Und so standen rechtzeitig vor dem Königsempfang zwei schön mit Lametta  geschmückte Weihnachtsbäume vor dem Büro des Bürgermeisters.

Unsere Enttäuschung war dann allerdings riesig: Als wir mit dem kleinen Gildezug in Begleitung des Königs, den wir von zu Hause abgeholt hatten, ins Rathaus einzogen, waren die Weihnachtsbäume verschwunden. Weg! Nicht einfach beiseite gestellt, sondern weg! Spurlos! Ein paar Streifen Lametta lagen noch auf dem Fußboden, aber von unseren Schmuckstücken fehlte jede Spur. Keiner der Anwesenden erwähnte auch nur andeutungsweise die Bäume. Und wir Altschaffer haben uns natürlich gehütet, danach zu fragen. Der Spaß war verpufft. Wir gingen zur Tagesordnung über. Obwohl uns die eine Frage nicht losließ: „Wo sind die Bäume?“

Weihnachten 1993: Wie in jedem Jahr üblich fuhr ich mit meiner Familie am Heiligabend nachmittags zu Oma und Opa nach Glückstadt. Opa hatte wie immer vormittags den Weihnachtsbaum geschmückt. Wie jedes Jahr war gemeinsames Abendessen, Bescherung, und gegen 23:00 Uhr ein gemeinsamer Besuch der Mitternachtsmette in der Glückstädter Kirche vorgesehen.

Etwas war anders, als wir an diesem Nachmittag ins Wohnzimmer kamen. Meinem damals 8jährigen Sohn fiel es zuerst auf: „Oma, warum ist denn dieses Jahr kein Lametta am Baum? Da war doch immer Lametta. Das gehört doch dazu!“ „Ich weiß das auch nicht,“ war die Antwort. „Ich habe den ganzen Dachboden abgesucht und nichts gefunden. Und ich war fest überzeugt, dass ich noch eine ganze Packung hatte.“

Gildefest 1994: Ein Jahr später – wir waren inzwischen Ruhejahrschaffer und hatten die Geschichte mit den Tannenbäumen weit hinter uns gelassen. Die amtierenden Alt- und Jungschaffer bereiteten im Rathaus den Sitzungssaal für den Königsempfang vor. Es fehlten noch Stühle. Da sind doch noch irgendwo Klappstühle! Irgendjemand kam auf die Idee, in einer der riesigen Truhen im großen Ratssaal nachzusehen. Dann beim Öffnen des Deckels die große Überraschung: In der größten Truhe lagen die vermissten Tannenbäume vom Vorjahr. Die Nadeln waren inzwischen auf den Boden gerieselt. Aber ansonsten trugen die kahlen Baumgerippe immer noch ihren Schmuck – Omas Lametta!


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